28. November 2022 / Aus aller Welt

Adventskalender sind Trend und Tradition

Öffnen Sie bis Heiligabend jeden Tag ein Türchen? Adventskalender gibt es längst nicht mehr nur mit Schokolade. Das Geschäft mit den oft überteuerten Kalendern boomt. Warum, wie und seit wann?

Ein Adventskalender mit Pflegeprodukten steht in einem Kaufhaus.

Vorfreude ist die schönste Freude, sagen Volksmund und Forscher. Zum Dezember gehört deshalb für viele der Adventskalender genauso dazu wie Lebkuchen, Stollen, Lichterketten, Plätzchenbacken, Gänseessen oder Weihnachtsmarktbesuch.

Der heute kaum wegzudenkende Adventskalender ist Wissenschaftlern zufolge eine deutsche Erfindung. So, wie wir ihn heute kennen, entstand er erst vor etwa 100 Jahren. Erste Modelle mit Schokofüllung gab es Mitte der 1920er Jahre, Massenprodukt wurden Adventskalender ab den 50ern. Seitdem entstanden immer neue Variationen, egal ob mit Schokolade, Spielzeug, Schnaps, Superfood oder Sextoys - verstärkt in jüngster Zeit. Der Markt boomt.

Auch heute noch basteln viele Familien lieber eigene Adventskalender mit selbst befüllten Säckchen. Denn die Kalender der Industrie kosten oft weit mehr als sie wert sind. Umgerechnet kommen manche Schoko-Kalender auf sagenhafte Kilopreise. Trotzdem boomen die fertigen Kalender. «Während 2021 die Adventskalender noch an der 100-Millionen-Euro-Grenze gekratzt haben, wird der Umsatz in diesem Jahr mit großer Wahrscheinlichkeit über 100 Millionen Euro steigen», heißt es vom Süßwarenhandelsverband Sweets Global Network.

Zum Fest der Familie

In einer YouGov-Umfrage sagen zwar 33 Prozent der Erwachsenen in Deutschland, dass sie gar kein Geld für Adventskalender ausgeben. Doch 34 Prozent wenden etwa 11 bis 50 Euro auf - für sich selbst oder ihre Liebsten. 12 Prozent sagen, sie gäben sogar noch mehr dafür aus.

Die Kulturwissenschaftlerin Esther Gajek von der Uni Regensburg befasst sich seit Jahrzehnten mit Adventskalendern und weiß viel über deren Historie: «Lange Zeit war Weihnachten ein kirchliches Fest mit der Christvesper oder Christmette als Höhepunkt. Im 19. Jahrhundert entwickelte es sich zum Fest in der Familie.» Das Wohnzimmer, die gute Stube, wurde als Weihnachtszimmer inszeniert. «Dabei rückte die Bescherung, vor allem bei Adeligen und im protestantischen Bürgertum, mehr und mehr in den Mittelpunkt: Die Tür geht auf, man sieht den leuchtenden Christbaum und die Geschenke darunter.»

Auf diesen Moment fieberten Kinder hin. Und weil die Kinder so viel Vorfreude zeigten, überlegten sich Eltern ab der Mitte des 19. Jahrhunderts Objekte, die die Zeit des Wartens aufs Fest strukturierten, wie Gajek erklärt - sei es mit Kerzen, die nach und nach jeden Tag angezündet werden und auf Jesus als Lichtbringer verweisen sollten, sei es als Adventskerze, die jeden Tag bis zur nächsten Markierung abgebrannt wird, sei es mit biblischen Verheißungen, auf Fahnen oder Blätter geschrieben, oder Bildchen zum Aufhängen oder simpel mit wegzuwischenden Kreidestrichen.

Traditionell christlich wurde dabei oft mit dem 1. Advent begonnen. Da dessen Datum immer der Sonntag nach dem 26. November ist, konnte es durchaus 28 Überraschungen bis Heiligabend geben.

Nur noch 24 Türchen

Den ersten gedruckten Adventskalender gab es der Forschung zufolge vor 120 Jahren, also 1902 - und zwar von der evangelischen Buchhandlung Friedrich Trümpler in Hamburg. 1903 folgte der Münchner Verleger Gerhard Lang. Er entschied, jahresunabhängig mit dem 1. Dezember zu beginnen und druckte einen Bogen mit 24 Bildern, die man ausschneiden und auf einen Bogen mit 24 freien Feldern kleben konnte.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Adventskalender ab den 20er Jahren ein Massenprodukt, wenn auch noch nicht millionenfach produziert. Erste Türchenkalender kamen auf, bald auch mit Schokolade. «Die Profanierung der Motive geschah recht rasch», sagt Gajek - auch wenn bis in die 60er oft noch, zumindest beim Türchen 24, eine Krippenszene mit der Heiligen Familie zu sehen gewesen sei.

«Seit etwa 30 Jahren ist der Trend zum Erwachsenenkalender zu beobachten, der mehr ist als der Pfennigartikel-Adventskalender, der aufgerissen, aufgegessen und weggeschmissen wird», sagt Gajek. Sie sagt: «Als Forschende sehen wir Weihnachten als Fest, das sich permanent ändert und Zeitmoden mitmacht. War es früher eher die religiöse Sehnsucht nach Seelenheil, so ist es heute - entkoppelt vom christlichen Erlösergedanken - eher ein Fest der Sehnsucht nach Familie, Frieden, Harmonie und großen Gefühlen.» Das habe sich stark erhalten. «Es geht - eben auch mit Objekten wie dem Adventskalender - um Vorfreude, das Bedürfnis nach dem Besonderen, um die Sehnsucht nach dem Außergewöhnlichen jenseits des Alltags.»


Picture credit: © Oliver Berg/dpa
Copyright 2022, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten

Meistgelesene Artikel

Warum nicht mal wieder ins Kino gehen
Für die ganze Familie

Bei unserem Partner Cinespace wird der Kinobesuch zum Genuss!

weiterlesen...
«Cannabis-Guide»: Wie Thailand zum Kifferparadies wurde
Aus aller Welt

Thailand hat 2022 Cannabis legalisiert - zuvor drohten dafür drakonische Strafen. Nun ist das Land das Mekka für Marihuana-Fans. Aber noch fehlt das finale Gesetz. Ein Leitfaden erklärt Touristen die Regeln.

weiterlesen...
Kfz-Mechatroniker (m/w/d) mit dem Wunsch zur Weiterbildung zum Kfz-Servicetechniker
Job der Woche

Sucht du eine neue Herausforderung? Dann komm ins Team von 53acht. Wir freuen uns auf dich

weiterlesen...

Neueste Artikel

Geschwister tödlich auf Stausee verunglückt
Aus aller Welt

Das Eis auf dem Stausee ist nur wenige Zentimeter dick: Das wird einer 22-Jährigen und ihrem 13-jährigen Bruder in Thüringen zum Verhängnis.

weiterlesen...
Stark-Watzinger: Müssen an Wettbewerbsfähigkeit arbeiten
Aus aller Welt

Das Mainzer Pharmaunternehmen Biontech will in Großbritannien unter anderem ein Forschungs- und Entwicklungszentrum zur Krebstherapie aufbauen. Das bereitet der deutschen Forschungsministerin Sorgen.

weiterlesen...

Weitere Artikel derselben Kategorie

Geschwister tödlich auf Stausee verunglückt
Aus aller Welt

Das Eis auf dem Stausee ist nur wenige Zentimeter dick: Das wird einer 22-Jährigen und ihrem 13-jährigen Bruder in Thüringen zum Verhängnis.

weiterlesen...
Stark-Watzinger: Müssen an Wettbewerbsfähigkeit arbeiten
Aus aller Welt

Das Mainzer Pharmaunternehmen Biontech will in Großbritannien unter anderem ein Forschungs- und Entwicklungszentrum zur Krebstherapie aufbauen. Das bereitet der deutschen Forschungsministerin Sorgen.

weiterlesen...
ANZEIGE – Premiumpartner