18. März 2022 / Aus aller Welt

Bleihaltige Munition gefährdet Greifvögel in Europa

Rund 100.000 Tonnen Blei gelangen in der EU alljährlich in die Umwelt. Das giftige Schwermetall tötet. Ohne Blei in Jagdmunition gäbe es zum Beispiel viel mehr Greifvögel, haben Forscher errechnet.

Ein Steinadler (Aquila chrysaetos) sitzt in seinem Nest.

Wegen der Verwendung bleihaltiger Jagdmunition sind Greifvogel-Populationen in Europa deutlich kleiner als sie eigentlich wären. Zu diesem Schluss kommt ein Team deutscher und britischer Forschender.

Seeadler, Mäusebussarde und andere Vögel nehmen das toxische Schwermetall auf, wenn sie mit derartiger Munition angeschossene oder erlegte Tiere fressen. Die daraus folgende Vergiftung habe dazu geführt, dass bei zehn Greifvogelarten rund 55.000 erwachsene Vögel aus dem europäischen Luftraum verschwanden, berichten die Wissenschaftler im Fachjournal «Science of the Total Environment».

Gefahr für die Vogelwelt

Schon seit Jahren fordern Umweltverbände wie Nabu und WWF ein Verbot bleihaltiger Munition: Das giftige Schwermetall habe nicht nur für Natur und Umwelt gravierende Folgen, sondern stelle auch ein Risiko für die Gesundheit von Verbrauchern dar. Tatsächlich zeigte ein vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) koordiniertes Projekt 2014 höhere Bleigehalte in Wildtieren, die mit entsprechender Munition erlegt wurden. Entsprechend sollten Schwangere und Kinder solches Wildbret nicht verzehren.

Vor allem aber stellt Bleimunition eine Gefahr für die Vogelwelt dar: In der EU sind nach Schätzungen der Europäischen Chemikalienagentur ECHA 135 Millionen Vögel von Bleivergiftung bedroht - entweder, indem sie Bleischrot direkt verschlucken oder durch das Fressen von Tieren, die Blei im Körper hatten. Eine solche Bleivergiftung kann in hohen Dosen zu einem langsamen und schmerzhaften Tod der Tiere führen, während kleinere Dosen mit physiologischen und Verhaltensveränderungen in Verbindungen gebracht wurden. Insgesamt gelangen nach Schätzungen der ECHA in der EU jährlich 100.000 Tonnen Blei in die Umwelt, 14 Prozent davon durch die Jagd.

Auswirkungen der Vergiftung durch Bleimunition

Naturschutzbiologen der Universität von Cambridge haben nun in einer Studie mit Unterstützung des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin berechnet, wie groß die Auswirkungen der Vergiftung durch Bleimunition auf die europäischen Greifvogel-Bestände sind. Dafür nutzten sie Daten, die seit den 1970er Jahren aus der Analyse von Lebern 3000 toter Greifvögeln in 13 Ländern gesammelt wurden, und setzten diese in Beziehung zur «Jägerdichte», also der durchschnittlichen Anzahl von Jägern pro Quadratkilometer in jedem Land, wobei sie Zahlen der European Federation for Hunting and Conservation verwendeten. Anhand von Populationsmodellen kalkulierten die Wissenschaftler dann, wie groß die Bestände ohne Bleivergiftung durch Munition wären.

Demnach ist die Seeadler-Population (Haliaeetus albicilla) 14 Prozent kleiner als sie ohne die mehr als ein Jahrhundert andauernde Exposition gegenüber tödlichen Bleikonzentrationen in einigen Nahrungsquellen gewesen wäre. Die Populationen von Steinadlern (Aquila chrysaetos) und Gänsegeiern (Gyps fulvus) seien jeweils um 13 bzw. 12 Prozent kleiner, während die Bestände an Habichten (Accipiter gentilis) um 6 Prozent und die an Rotmilanen (Milvus milvus) und Rohrweihen (Circus aeruginosus) um jeweils 3 Prozent niedriger seien. Bei Mäusebussarden (Buteo buteo) habe der Populationsrückgang aufgrund der Bleivergiftung zwar nur 1,5 Prozent betragen, was allerdings bei dieser weit verbreiteten Art fast 22.000 weniger erwachsenen Exemplaren entspreche.

Insgesamt, so das Fazit der Wissenschaftler, habe allein die Vergiftung durch Bleimunition dazu geführt, dass die Gesamtpopulation von zehn Greifvogelarten in Europa um mindestens sechs Prozent kleiner sei als sie sein könnte. Entsprechend eindringlich plädieren die Biologen für ein Verbot: «Das vermeidbare Leiden und der Tod zahlreicher einzelner Greifvögel durch Bleivergiftung sollte ausreichen, um die Verwendung ungiftiger Alternativen zu fordern», betont etwa Mitautorin Debbie Pain.

Nutzung von Bleimuniution

Zumindest für Feuchtgebiete stimmte das Europäische Parlament Ende 2020 einem EU-weiten Verbot der Jagd mit Bleischrot zu, in Dänemark und den Niederlanden ist Bleimunition jeglicher Art und in allen Lebensräumen verboten. Wie die Studienautoren anmerken, erwägen sowohl die Europäische Union als auch Großbritannien ein derart umfassendes Verbot, wogegen Jagdverbände allerdings protestieren.

Tatsächlich warnten etwa einige deutsche Vereine, dass es insbesondere für ältere Waffen keine Munitionsalternativen gebe. Britische Vereine setzen auf freiwilligen Bleischrot-Verzicht. Diese Selbstverpflichtung zeigte einer früheren Studie der Forschenden zufolge keine Wirkung: Über 99 Prozent der im Vereinigten Königreich getöteten Fasane würden immer noch mit Blei geschossen, obwohl die Jagdverbände ihre Mitglieder aufforderten, ab 2020 auf ungiftige Schrotkugeln umzusteigen. Rhys Green, Hauptautor beider Studien, sagt: «Die anhaltende flächendeckende Verwendung von bleihaltiger Munition bedeutet, dass Jagd als Freizeitbeschäftigung einfach nicht als nachhaltig angesehen werden kann, wenn sich nicht etwas ändert.»


Bildnachweis: © Chris Gomersall/Rspb/dpa
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