11. Mai 2022 / Aus aller Welt

Computer, Corona, Carpe Diem: Latein ist quicklebendig

Latein gilt als Schülerschreck, tot und verstaubt. Weit gefehlt, sagen Experten. Das Lateinische sei quasi unsere DNA und europäische Muttersprache. Wir alle verwenden es Tag für Tag - oft unbewusst.

Ein lateinischer Text («Silentium strictum»), auf einer Tafel geschrieben, ist Teil der Ausstellung «Tot oder lebendig?» im LWL-Landesmuseum für Klosterkultur.

Den «Computer» und die «Digitalisierung» verdanken wir eigentlich den alten Römern. Auch das Coronavirus, der Käse, die Nivea-Creme oder das Antibiotikum sind schon viele Jahrhunderte alt - sprachlich gesehen. 

Die Wörter stammen vom Lateinischen ab, das eine mehr als 2000 Jahre alte Geschichte hat und doch nach wie vor unseren Alltag prägt, oft unwissentlich, wie Ingo Grabowsky sagt. Der Direktor des LWL-Landesmuseums für Klosterkultur ist überzeugt: Das Lateinische ist «quicklebendig».  

Im westfälischen Lichtenau startet am Freitag die Sonderaustellung «Latein. Tot oder lebendig?» im Kloster Dalheim. Man kann hier auch beim römischen Kassierer Venditor Henricus simuliert shoppen. Und lernt dabei: Mit Markennamen wie Alete, Labello, Duplo oder Magnum bedient sich auch die Werbebranche kräftig aus dem Latein-Fundus.

Relikte des Lateinischen lauern eigentlich überall, nicht nur beim Einkaufen, wie die Schau unterhaltsam veranschaulicht. Im Gerichtssaal heißt es «in dubio pro reo» (im Zweifel für den Angeklagten), als allgemeingültiges Prinzip gilt «manus manum lavat» - also eine Hand wäscht die andere.

Plaudern in Latein am Stammtisch

«Fast jedes Wort, was wir aus dem Englischen importieren, kommt aus dem Lateinischen», erläutert Grabowsky. Denn Englisch bestehe zu 70 Prozent aus lateinischen Vokabeln. Beispiel: Der Comupter (computare = rechnen). Auch «digital» hat eine antike lateinische Wurzel (digitus = der Finger).   

Es gebe eine Bewegung, in der sich Leute zum Plaudern auf Lateinisch am Stammtisch treffen, schildert Grabowsky. Aber Latein sei einerseits schon eine «tote» Sprache, weil sie fast nicht gesprochen werde. Zugleich aber auch «sehr lebendig» in ihrem Einfluss und als «gemeinsame Muttersprache Europas». Latein schaffe Zugang zur europäischen Geistesgeschichte, habe prägend eingewirkt auf Geschichte, Kultur und Bildung bis heute. Nicht zu vergessen: die weltweit genutzte lateinische Schrift.

Von Cicero bis Hildegard von Bingen

Um Entwickung und Bedeutung zu demonstrieren, stehen elf wichtige Lateinerinnen und Lateiner parat, um in der Schau durch eine rund 2100-jährige lateinische Sprachgeschichte zu führen. Da ist der römische Redner Cicero (106-43 vor Christus), dessen Texte noch heute zur Standardlektüre für Latein-Schüler gehört. Oder Karl der Große (747-814), der Latein aus der Krise holte: «Er hat die Sprache gerettet, Latein wieder als verpflichtendes Fach für die höhere Schulbildung eingeführt.» Denn für sein Vielvölkerreich brauchte es eine gemeinsame Sprache. Die Äbtissin Hildegard von Bingen (um 1098-1179), 2012 heilig gesprochen, soll ihre Visionen sogar auf Lateinisch gehört haben, lernt man.  

Besucherinnen und Besucher begegnen auch dem widerspenstigen Comic-Gallier Asterix. Die mehr als 200 Exponate zeigen, dass es sogar Kinder- und Jugendbücher wie «Grecs Tagebuch» oder «Die drei Fragezeichen» in lateinischer Übersetzung gibt, zudem lateinische Brett- oder Kartenspiele. Wie es vor Jahrhunderten mit dem Latein-Unterricht ausgesehen haben mag, wird ebenfalls anschaulich - ein Vokabelheft aus dem 9. Jahrhundert lässt auf außerordentliche Schülerdisziplin schließen.

Voraussetzung für viele Studiengänge

Die Kulturdezernentin des Landschaftsverbands LWL, Barbara Rüschoff-Parzinger, betont am Mittwoch, wenige Tage vor Eröffnung: «Die lateinische Sprache ist die DNA für viele andere nationale Sprachen.» Sie stecke in vielen Begriffen und sei aus vielen Bereichen wie der Medizin gar nicht wegzudenken. Latein werde als dritthäufigste Fremdsprache in deutschen Klassenzimmern unterrichtet und sei zudem Voraussetzung für viele Studiengänge.

Parallel zu der Schau hat das Museum eine Podcast-Serie «Hocus, locus, jocus» entwickelt. Alle Texte der Ausstellung sind zweisprachig Latein-Deutsch. Noch bis 8. Januar ist die spannende wie amüsante Ausstellung zu sehen - also: «Carpe diem!» 


Bildnachweis: © Friso Gentsch/dpa
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